Magisches Kyrgistan

„Eines Tages kam Gott auf die Idee, die Welt in Länder und Völker aufzuteilen. So gab er beispielsweise den Ägyptern Ägypten, den Iranern den Iran, uns Deutschen Deutschland usw. So bekam jedes Volk einen Landstrich zugeteilt. Ein Land, das sollte für ihn selbst bestimmt sein. Aber die Kyrgisen, die hatten verschlafen. Und als sie alle aufwachten, wunderten sie sich was geschehen war. So fragten sie Gott, wo sie denn jetzt hin sollten. Und Gott begann zu überlegen und zu überlegen. Nach einer Weile kam er zu dem Entschluss:“ Auch ihr sollt ein Land bekommen, eigentlich sollte dieses Land für mich bestimmt sein, aber so sollt ihr es haben!“ So erklären sich die Kyrgisen die Entstehung ihres Landes. Und wir können an dieser Stelle schon verraten, wir schenken dieser Geschichte ein wenig unseren Glauben. 😉

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Für uns ist Kyrgistan das letzte Land Zentralasiens, aber dafür der Anfang des Daches der Welt. Das Land der Nomaden zeigt sogar in seiner Fahne die traditionelle Wohnform seiner Völker, die Jurte. Besser gesagt, den Rauchabzug der Jurte. Der Name des Landes deutet ebenso auf die Nomadenvölker hin. Kirk gyz bedeutet 40 Mädchen und bezieht sich auf die 40 ursprünglichen Nomadenstämme.

Der Grenzübergang ist der einfachste seit Georgien. Wir bekommen direkt zwei Monate Visa auf die Hand. Noch die letzte kontrollierende Frage des grinsenden Grenzbeamten:  „Do you have weapons or drugs with you?„. „No Just candies!“, antwortet Luca verschmitzt zurück und der Herr heisst uns Willkommen in seinem Land.

Die Grenzstadt Osh, die genau so heisst wie das ölige Reisgericht Zentralasiens, ist in Windeseile erreicht und wir nehmen uns eine Pause in einem preiswerten Hotel. Die Strecke vom Iran bis hier her schenkte uns immer wieder viele interessierte Menschen. Das merkten wir vor allem, wenn wir zur Ruhe kommen. Ist auf die Dauer auch kräftezehrend. Da kommt uns Kyrgistan gerade recht, mit seiner weiten Wildnis.

Wir haben ausserdem eine Zusage von einer Farm bekommen, auf der wir eine Woche leben können. So wird die Route nach At-Bashi geplant und wir verabschieden uns von der Grenzstadt Osh.

Die Strecke führt uns zunächst auf dem einzigen, einspurigen Highway des Landes durch bereits wunderschöne Hügellandschaften bis nach Schalala-Alabad. Wir treffen unterwegs noch ein holländisches Radelpärchen und später einen Franzosen. Das Kyrgistan ein Fahrradparadies ist, scheint sich herumgesprochen zu haben. Wir verlassen den Highway, was in Kyrgistan bedeutet, dass man seinen Weg auf Schotterpisten fortsetzt. Es geht endlich wieder hoch in die lang ersehnten Berge, durch kleine verträumte Dörfer, die voll mit Obstbäumen sind. Die letzten Getreide- und Sonnenblumenfelder formen sich zu einem beeindruckenden Canyon, an dessen steilen Hängen wir entlang radeln. Kinder grüßen uns wild winkend oder begleiten uns im kichernden Sauseschritt ein paar Meter. Noch eine herzliche Einladung zum Mittagessen bei einer Familie nehmen wir gerne an, bevor wir das vorerst letzte Dorf verlassen. Es gibt selbstgemachten Honig von den Bienen im grossen Garten. So radeln wir gestärkt weiter in Richtung des ersten kyrgisischen Passes. Die ersten Jurten besiedeln die kleinen, aus den Bergen kommenden Bachläufe. Der Anblick dieses einfachen Hauses in der wilden Natur lässt unsere Herzen höher schlagen. Und prompt werden wir kurz vor Einbruch der Dämmerung noch auf Tee, Joghurt, Butter und Brot eingeladen, alles selbst gemacht natürlich. Die Familie ist schon am packen, denn sie wollen im September wieder unten im Tal sein, um dort zu überwintern. Wir wollen nicht länger stören und uns noch einen Zeltplatz am Fusse des Passes suchen. Vor unserem Zeltplatz erstreckt sich eine Wand, gefüllt mit Serpentinen, die am nächsten morgen darauf warten beradelt zu werden.

Wir starten zeitig und nach wenigen Serpentinen werden wir erneut von Nomaden eingeladen. Wir stossen zu einer Männerrunde in einem kleinen Zelt zum frühstücken dazu. Uns gefällt es so sehr, dass wir am Liebsten hier bleiben würden. Doch dies scheinen die Jurtenbewohner zu merken und machen uns deutlich, dass wir doch so allmählich weiterradeln sollten. Wir dürfen noch einmal auf dem Esel reiten. Doch bei Ben bekommt der Esel einen dicken Klaps auf den Hintern und rennt den Hang hinunter. Der Rodeoritt wird gerade so überstanden und wir treten wieder in die Pedale. Der Pass und die Ausblicke werden der reinste Genuss. Der Blick auf die andere Seite des Berges ist schier unbegreifbar und endlos weit. Solch eine wohlgeformte Landschaft bekamen wir bisher selten zu Gesicht. Wir erreichen Kazerman, wo wir unsere Räder für zwei Tage stehen lassen wollen, um in Bishkek unser Indienvisum zu beantragen. Ein Ausflug, den wir uns gerne gespart hätten. Mit einem Tag Verspätung kommen wir zurück und übernachten auf dem Grundstück der Feuerwehr.

Jetzt geht es aber endlich weiter entlang des Flusses Naryn. Es geht rauf und runter, die Schotterpisten haben durch den Autoverkehr Wellenformen bekommenm, die das Radfahren zu einer Wackelpartie machen. Jeder Hubbel lässt den Geduldsfaden etwas dünner werden. In den wenigen kleinen Dörfern besorgen wir unser Essen. Die Shops sind spärlich ausgestattet. Wir stehen vor einer Auswahl von 40 Vodkamarken, 30 Bonbonsorten, 10 Keksarten und Asia-Nudeln. In Zentralasien sind die meisten Menschen in der Lage sich selbst zu versorgen und so haben wir verwöhnten Supermarktgänger es nun neben etwas schwieriger. So stehen wir meistens noch eine Weile mit wanderndem Blick durch die Regale, in der Hoffnung doch noch eine Überraschung zu finden. Und während wir da so verloren und hilflos stehen, parkt meistens ein Auto vor dem Magazin und zwei bis drei Kyrgisen kommen herein:“ Salam, adkuda?“ ,“Salam, Germania!“ ,“ooh, caracho!“ und quatschen weiter auf kyrgisisch mit der Verkäuferin. Danach gibts entweder Vodka aus Plastikbechern oder die Mannschaft zieht mit zwei Vodkaflaschen und dem deutschen Gebrauchtwagen davon. Wir, für kurze Zeit abgelenkt, entscheiden uns für die saftigen Asia-Nudeln

Auf einer Abfahrt eines Passes legt es Ben in einer Kurve nieder. Blöderweise gibt es eine tiefe Schnittwunde in der linken Handfläche, was das Greifen des Lenkers für die nächsten Tage erschwert. Wieder unten am ersten Bachlauf, möchte Ben die Wunden reinigen. Hier haben sich gerade ein paar Kyrgisen zum Picknick versammelt. Und die Hilfe kommt sofort. Die Wunden werden mit Vodka begossen und desinfiziert. Und danach gibts noch zwei dicke Schlücke für die Nerven hinterher. Wir hitchhiken ein Stück mit einem französischen Pärchen, die auf dem Weg nach Sibieren sind und schon seit Jahren in ihrem Bus leben und auf Farmen in Frankreich arbeiten. Danach geht’s weiter, At-Bashi ist zum Glück nicht mehr weit. Es trennt uns nur noch, selbstverständlich, ein Pass. Auf der Spitze erscheinen die weissen Gletscher des At-Bashi Ranges in der Ferne und mit ihnen steigt in uns erneute Euphorie auf.

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Wieder unten im At-Bashi Tal passieren wir vereinzelte Farmhäuser und halten Ausschau nach unserem Hof. Es ist bereits früher Abend und wir erreichen das Haus von Bathma und Scheken. Vorm Haus werden wir vom alten bellenden  Charlie begrüsst. Wir werden hereingebeten und bekommen erstmal etwas zu Essen. Es gibt alle möglichen Innereien vom Schaf, dazu Brot und Cay. Die Kommunikation findet mehr mit Händen und Füssen statt als mit Worten, denn die beiden sprechen kaum Englisch und wir kaum kyrgisisch bzw. russisch. Danach können wir uns erstmal breit machen und nisten uns unter ihrem Dach ein. Hier haben sie ein einfaches Zimmer für Volunteers eingerichtet mit einem traditionellen bunten Flies-Teppich, Zimmerpflanze und zwei Schlafmatten. Wir erkunden das Grundstück und erfahren mehr über unsere Gastgeber.

Bathma und Scheken. Die beiden haben drei Kinder, die gerade alle In Bishkek leben. Als sie uns von ihnen erzählen, hören wir ein wenig Enttäuschung in ihrer Stimme. Zur Zeit hat keines ihrer Kinder vor das traditionelle Leben der Familie weiterzuführen. Sie ziehen lieber die moderne Grossstadt vor. Die Familie hat ihre Wurzeln in der Jurte. Sie waren einst Nomaden und kamen im Winter zu ihrem kleinen Farmhaus, das inzwischen Brach liegt und dem Neuen gewichen ist. Heute leben sie mehr von Touristen, die in ihren zwei Jurten, die ihnen fehlende Natur erleben können. Daneben führen sie ihre kleine Farm weiter. Auf dem Feld wachsen eigentlich auch nur Kartoffeln. Ihre Schafe sind zu unserer Zeit noch in den Bergen. So steht auf dem Speiseplan meistens Kartoffeln und Schaffleisch in den verschiedensten Anrichtungen. Bathma backt jeden Tag Brot und es gibt sieben verschiedene Sorten leckerster Marmeladen. Ebenso kommen wir in den Genuss von Kumys, gegorener Stutenmilch, dem Nationalgetränk der Kyrgisen. Für uns nur eine Woche, für Bathma und Scheken wohl ein Leben lang. So leben sie allerdings auch autark und unabhängig. Sie wirken sehr zufrieden mit sich und der Welt und führen ein ruhiges Leben ohne viel Enterntainment. Nur Abends verbringen sie gerne ihre Zeit gemeinsam auf ihrem Bett und schauen gemeinsam TV und unterhalten sich dabei. Unsere Arbeit wird darin liegen, die alte Farm, die teilweise einer Ruine gleicht, abzureissen. Nicht unbedingt die Arbeit, die wir erwartet haben, aber stören tut es uns auch nicht. Zwei Tage verbringen wir damit einen alten Chickenkäfig abzubauen, anosonsten reissen wir Wände und Gemäuer ab. Mit den Arbeitszeiten nehmen es die beiden auch nicht all zu genau. So wild das Gelände auch aussieht, so ist ihr eigenes Haus ordentlich aufgeräumt. Auch wir bekommen erstmal eine Grundreinigung. Klamotten kommen in die Waschmaschine, was in einem kyrgisischen Haushalt nicht selbstverstaendlich ist. Sie läuft über einen Wasserkanister, der im Dachgeschoss steht und ein Schlauch führt das Wasser zur Maschine. Dasselbe gilt für das Waschbecken. Danach sind wir selbst dran und Scheken macht keinen halben Prozess. Die „Dusche“ befindet sich vorm Haus. Ein grosser Wassertank gilt als Wasserspender. Ansonsten dienen Eimer und Messbecher als Duschkopf. Die Sonne wärmt und der Blick auf die weissen Berge schenken einem ein ganz besonderes Waschritual. Luca ist der erste und es wird genau unter die Lupe genommen, wie er sich wäscht. Scheken ist nicht zufrieden und hilft nochmal nach und schrubbt Luca den letzten Mikrokrümel Dreck vom Körper.

So gehen die ersten drei Tage ins Land und wir leben uns ein. Dann kommt die Nachricht, dass die beiden fort müssen, da Touristen kommen um in ihren Jurten zu leben. Es wird gemeinsam überlegt wo wir unterkommen und so dürfen wir in ihrem alten Farmhaus die Farm für zwei Tage übernehmen. Bevor die beiden losziehen, bekommen wir noch das muslimische Opferfest Eil al-Adha mit. Die Menschen, die es sich leisten können, opfern ein Tier, von welchem das Fleisch an Arme und Kranke gespendet wird. Bathma und Scheken opfern gleich zwei ihrer Tiere, eine Ziege und ein Schaf. Wir sollen ihnen beim Schlachten helfen und tun dies auch. Das Fleisch wird anschliessend nach At-Bashi gebracht. Danach werden wir noch mit Essen versorgt und die beiden machen sich auf zu ihren Touristen, worauf sie sich nicht so sehr zu freuen scheinen.

Wir geniessen die letzten ruhigen Tage und schliessen unsere Zeit mit einem Zwei-Tages Trip in den Bergen ab, die wir schon die ganze Woche vor unseren Augen hatten. Wir laufen hoch bis zum Gletscher und schlagen dort unser Zelt auf. In der Nacht schneit es und am nächsten Morgen sind die Bergspitzen noch weisser als zuvor. Beim Abstieg zieht ein Gewitter auf, ein Fluss ist angestiegen und wir schaffen es gerade so herüber zu springen. Als wir wieder auf dem Rad zurück zur Farm sind, zeigt sich die Welt von seiner farbigsten Seite. Ein kräftiger Regenbogen begleitet uns und das Abendlicht taucht die weite Landschaft in einen goldenen Farbtopf. Es muss wahr sein, Gott hatte Kyrgistan für sich bestimmt. Es heisst erneut Abschied nehmen, von Bathma, Scheken und Charlie, und einer Zeit, fuer die wir sehr dankbar sind.

Wir suchen uns einen schönen Umweg nach Bishkek auf unserer Karte heraus, welcher uns noch an dem alpinen See Issyk-Kol vorbei lotsen wird. Die Piste führt uns für drei Tage in abgelegene Teile des Landes. Es geht wieder hoch, drei Tage Anstieg, bis auf 4000 m Höhe. Wir radeln wieder entlang eines Canyons durch grüne Nadelwälder und treffen schon bald auf eine Touristengruppe aus Israel, die mit Jeeps untwerwegs sind. Die Mann-und Frauschaft  lädt uns spontan zu ihrem gigantischen Mittagsbuffet ein. Wir unterhalten uns über Gott und die Welt und sind sehr erfreut über das Zusammentreffen. Die Landschaft wird zunehmend karger, Schafs-und Pferdeherden kreuzen unseren Weg. Auch einige Nomaden haben sich hier Oben niedergelassen. Von eine Familie werden wir wieder zu Mittag eingeladen und bekommen wieder Einblick in ihren gesamten Haushalt. Wir treffen andere Radfahrer und erfahren von natürlichen heissen Quellen, die wir auch sofort besuchen. Das sehr heisse, schwefelhaltige Wasser lässt einen in dieser Nacht besonders gut schlafen. Und so erreichen wir die Passhöhe, welche sich am Gletscher befindet. Von hier geht es in 32km 2300 Höhenmeter hinab zum Issyk-Kol. Die Strasse gleicht mehr einem breiten Wanderweg durch ein Geröllfeld. Wir denken an die beiden Radfahrer, die uns vorher noch entgegengekommen waren und von ihrer Tortur erzählt hatten. Wir erhaschen Ausblicke auf den See und auf die gegenüber liegenden Berge.

Als wir unten ankommen, erinnert uns die Landschaft eher an ein mediteranes Gebiet. Rotes Gestein, roter Sand und türkisenes Wasser geben einem das Gefühl in einem anderen Land angekommen zu sein. Aber so zeigt sich Kyrgistan landschaftlich immer wieder von einem neuen Gesicht. Es sieht ein wenig nach Regen aus, so baut Ben vorsichtshalber sein Zelt geschwind am Strand auf. Wir essen zehn Meter vom Zelt entfernt, das in unserem Rücken steht. Wind kommt auf, doch wir sind beim Essen vertieft. Als Ben etwas vom Rad holen möchte, bemerkt er, dass das Zelt wie vom Erdboden verschluckt ist. Es ist bereits dunkel und wir suchen mit Taschenlampen nach dem Zelt. Doch es bleibt für den Abend verschwunden. So übernachten wir unter freiem Himmel. Die Nacht bleibt trocken und am nächsten Morgen macht sich Ben erneut auf die Suche nach dem Zelt. Und tatsächlich, ca 500 Meter weiter wurde es wieder angespühlt.

So können wir die letzten Kilometer nach Bishkek antreten, wo unser Flieger nach Indien wartet. Wir konnten leider kein Visum für Pakistan bekommen. Auch wenn wir von diesem Land später von einem spanischen Radlerpärchen sehr schöne Geschichten hören sollen, die dem Iran gleichen. Die letzten Kilometer rollen wir wieder auf der ehemaligen Seidenstrasse, die heute wohl eher der PVC-Strasse aus China kommend gewichen ist.

Kyrgistan ist nun Geschichte. Ein Land zwischen Tradition und Moderne, welches die Magie dennoch für sich behalten hat. Wir sind absolut begeistert und froh darüber, uns für dieses Land viel Zeit genommen zu haben.

DCIM100GOPRO

 

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